Wieso Pelz untragbar ist. Ein Interview.

Menschen, die sich lautstark für etwas einsetzen finde ich bewundernswert. Und ich bin der Meinung, dass es sowohl die, die sich aneckend und aktivistisch einsetzen, sowohl als auch die, die vielleicht ein bisschen weniger extrem unterwegs sind (zu denen ich mich, noch, zähle), braucht. Nur wenn mutige Stimmen einen ersten Weg bahnen, können weitere Menschen folgen. Nina gehört zu den Lauteren, obwohl sie sich noch nicht lange als Aktivistin bezeichnet. Sie setzt sich gegen den zunehmenden Pelz-Konsum in der Schweiz ein und organisiert zum Beispiel eine Anti-Pelz Demo in Zürich, am 21.10.2017. Ich war schon immer gegen Pelz, fand es aber hochspannend mit Nina Bachellerie zu reden, die sich vertieft mit dem Thema befasst. Denn, leider, ist das Tragen von Pelz noch ganz und gar nicht Geschichte, ganz im Gegenteil, es kommt sogar immer mehr in Mode. Meine Meinung: untragbar!

Liebe Nina, wer bist du und wie ist es dazu gekommen, dass du dich für die Antifur League engagierst? 

Ich bin Nina Bachellerie aus Zürich, 31 Jahre alt, freischaffende Videocutterin und Gründerin der Anti Fur League. Als Tierrechtlerin ist mir das Thema Pelz schon länger ein Dorn im Auge, v.a. seit es in wieder ein solches Ausmass angenommen hat mit den Echtpelz-Besätzen (Jacken-Kragen, Bordüren, Mützen-Bommbel etc). Durch die Anti Fur League habe ich die Gelegenheit, mich auch öffentlich gegen diesen “untragbaren Trend“ einzusetzen.

Nennst du dich selber Aktivistin? Wenn ja, was beinhaltet das genau? 

Ich bezeichne mich noch nicht lange als Aktivistin, da ich mich früher v.a. im persönlichen Umfeld und online engagiert habe. Für mich hat Aktivismus etwas mit der Öffentlichkeitsarbeit zu tun, da “reicht“ das Teilen von Facebook-Beiträgen nicht. Ich bin zwar nicht die, die gerne auf der Strasse steht und Flyer verteilt, aber ich widme einen Grossteil meiner Freizeit dem aktiven Mitorganisieren von politischen Aktionen. So bin ich seit Anfang Jahr bei der Schlachthaus-Nachtwache Zürich aktiv und die Anti Fur League ist Co-Organisatorin der ersten, grossen Anti-Pelz Demo in Zürich am 21. Oktober.

Was genau ist die Antifur League? 

Wir sind eine kleine Gruppe von TierrechtlerInnen aus Zürich, die den Fokus auf das Thema Pelz legen. Es gibt ja einige Tierrechts- und auch Tierschutz-Organisationen in der Schweiz, die sich mit Pelz befassen, aber keine widmet sich ausschliesslich dem Thema. Ich fand, es sei höchste Zeit, dass es so eine gibt. Im Zentrum steht dabei die Webseite www.antifurleague.org mit einer grossen Auswahl an Informationen zum Thema Pelz, die laufend aktualisiert werden. Ausserdem stellen wir kostenlose Informations-Flyer und Videoproduktionen zur Verfügung.

Was ist die grösste Problematik beim Thema Pelz? 

Für mich ist es die Tierquälerei. In der Schweiz haben viele das Gefühl, dass wir strenge Tierschutzgesetze hätten und deshalb keine Produkte im Umlauf sind, die diesen nicht entsprechen. Bei Pelz ist es genau das: Er wird standardmässig unter Bedingungen produziert, die hierzulande verboten sind und auch klar den Tatbestand der Tierquälerei erfüllen. So werden die Tiere in winzigen Käfigen aus Gitterstäben gehalten, wo sie keine ihrer natürlichen Bedürfnisse ausleben können. Krankhafte Verhaltensweisen (Stereotypien, Selbstverstümmelungen etc.) sind an der Tagesordnung. Zur “Erntezeit” werden sie in Europa vergast oder durch analen Strohmschlag getötet, damit das Fell nicht beschädigt wird. In China werden sie oft erschlagen und noch lebendig gehäutet, weil ein Arbeiter pro getötetem Tier ca. 70 Cent verdient und es daher schnell gehen muss. 

In der Wildjagd sind die Bedingungen nicht viel besser. Für “Canada Goose“ zum Beispiel werden wildlebende Kojoten mit Falleneisen gejagt, in denen sie tagelang feststecken und leiden, bevor ein Jäger sie findet und erschiesst. Oft verdursten oder verbluten sie vorher an ihren Verletzungen, oder sie beissen sich die eigenen Glieder ab im Versuch, freizukommen. Wenn es Muttertiere sind, werden die Jungen zurückgelassen und verhungern. Und das Ganze nennt sich dann “humane trapping standards“ (Standard für humane Fang-Methoden).

Nebst der Tierquälerei müssen aber auch die negativen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt betont werden. Pelz wird ja schon seit Jahren als “natürliches“ und “nachhaltiges“ Produkt vermarktet – eine PR-Masche der Pelzindustrie. Der Ursprung der Felle ist zwar natürlich, aber sie werden chemisch aufbereitet, um haltbar zu bleiben. Bei Untersuchungen wurden immer wieder Rückstände von giftigen Chemikalien auf Pelzbesätzen gefunden (z.B. Chrom 6, Formaldehyd), welche u.a. Allergien auslösen und krebserregend sein können. V.a. in China – dem weltweit grössten Pelzproduzenten – leiden natürlich auch die ArbeiterInnen in der Gerbereien unter diesen Umständen. Oft werden die toxischen Abfälle danach in der Natur entsorgt und geraten ins Grundwasser, was noch grossflächigere Gesundheitsrisiken für die Menschen bedeutet. 

Wie hat sich das Pelz-tragen in den letzten Jahren verändert? Positiv? Negativ? 

Sehr negativ: Die Pelzindustrie erlebt seit einigen Jahren einen regelrechten Boom! Dabei ist vergessen gegangen, dass Pelztragen noch in den 90er Jahren ein gesellschaftliches Tabu war. Es gab eine grosse, internationale Bewegung dagegen, und die grausamen Bilder von den Pelzfarmen gingen um die Welt. Man war sich weltweit einig, dass Echtpelz aus der Mode verbannt werden muss. (-) Danach war es einige Jahre still, man sah keinen Pelz mehr auf den Strassen, und auch die Tierschutzorganisationen glaubten, das Thema sei erledigt. Aber dann hat die Pelzindustrie angefangen, eben diese Besätze einzuführen – und sie als super trendy zu vermarkten – so dass Echtpelz langsam wieder “salonfähig“ gemacht wurde. Die Schweiz hat letztes Jahr so viel Pelz importiert wie noch nie zuvor – dabei sind die grausamen Fang-, Haltungs- und Tötungsmethoden immer noch die gleichen.
           

Wieso gegen Pelz und nicht gegen Leder allgemein? 

Ich persönlich trage auch kein Leder, aber der Unterschied besteht für mich darin, dass das Pelztragen wirklich nur zu Dekorationszwecken dient. Es ist schwer, gute Schuhe ohne Leder zu finden – ebenso schwer wie es für manche Leute sein mag, kein Fleisch zu essen. Aber es gibt nichts Einfacheres, als eine warme Jacke ohne Pelzbesatz zu kaufen! Obwohl Echtpelz heute tatsächlich billiger ist als Kunstpelz, kann niemand behaupten, es ginge nicht anders.

 Darum empfinde ich Pelztragen – im Gegensatz zum Leder – als Provokation. Wenn man sich einmal informiert hat und trotzdem Pelz trägt, macht man damit ganz deutlich die Aussage, dass einem Tierquälerei egal ist. 

Ihr organisiert eine Demo, wie wird das genau ablaufen? Was ist das Ziel dieser Demonstration? 

Das Ziel der Demo ist, aufzurütteln und zu informieren. Die junge Generation hat ja die ganze Anti-Pelz-Bewegung in der 80er/90er Jahren nicht mitbekommen, deshalb wollen wir v.a. auch sie ansprechen. Die ganze Stadt soll wissen, dass wir uns nicht mehr von den Lügen der Pelzindustrie hinter’s Licht führen lassen! Das Ziel ist also, ein möglichst lautes und starkes, aber friedliches Zeichen zu setzen. Dazu treffen wir uns am Samstag, 21. Oktober um 13:30 Uhr auf dem Werdmühleplatz in Zürich, und laufen von dort bis zum Helvetiaplatz. 

Ich möchte nicht demonstrieren, wie kann ich mich trotzdem engagieren?

Das Wichtigste ist, selbst keinen Pelz zu tragen und die Leute in seinem Umfeld zu informieren. Dann kann man natürlich auch Leute auf der Strasse ansprechen, wobei das manchmal schwierig ist, weil viele nicht gut darauf reagieren. Auf der Webseite stellen wir daher eine “Anleitung“ zur Verfügung, wie man da cool bleiben kann. Ausserdem kann man falsch deklarierte Pelzartikel beim BLV melden – dazu, bzw. zur Schweizerischen Pelz-Deklarationsverordnung, gibt es ebenfalls Informationen auf der Webseite.

Was sind gute Alternativen zu Pelz? 

Nebst allen Textilien, die keinen tierischen Ursprung haben, gibt es gibt eine ganze Reihe von Anbietern in der Schweiz, die ausdrücklich keinen Pelz verkaufen. Der Zürcher Tierschutz hat diesbezüglich eine Liste von “Fur Free Retailers” veröffentlicht, die man unterstützen kann.

2 comments
9 likes
Prev post: 11 einfache Wege Plastik in deinem Alltag zu reduzierenNext post: Mit Weleda am Pink Ribbon Charity Walk 2017

Related posts

Comments

  • Jolene

    10/10/2017 at 18:39
    Reply

    Tolles Interview. :)

    • Anina Mutter
      to Jolene

      18/10/2017 at 10:11
      Reply

      Danke vielmals! Schön, wenn es gefällt! Happy Day und bis […] Read MoreDanke vielmals! Schön, wenn es gefällt! Happy Day und bis ganz bald wieder, Anina Read Less

Leave a Reply

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.