Meine DNA-Reise. Und wie aus Enttäuschung Erkenntnis wird.

Ein bunter Strauss exotischer Kulturen.

Seit ich klein bin, versuchen die Menschen meine Herkunft zu deuten. Nicht, dass das so ein grosses Mysterium wäre, ich bin Schweizerin, vielleicht zu ¼ Deutsche. Aber damit hat es sich. Ich finde das ziemlich langweilig. Die Leute raten: Marokkanerin, Spanierin, Brasilianerin, Türkin, Roma, Israeli – ein bunter Strauss exotischer Kulturen, ich mag sie alle. Ich spreche fliessend Spanisch, tanze Salsa, mache Capoeira. Als Schauspielerin werde ich regelmässig auf Rollen mit ausländischem Einschlag gecasted. In mir schlägt ein Nomadenherz. Am meisten freunde ich mich mit der Idee an, dass ich eine Roma bin. Man kennt meinen Urgrossvater nicht. Es wird gemunkelt, dass er ein Fahrender war. Das ist meine Realität. Meine Wahrheit.

Und dann kommt Momondo.

Und dann bekomme ich die Möglichkeit, mit Momondo zusammen einen DNA-Test zu machen. In dieser Aktion geht es darum zu zeigen, dass wir alle in irgendeiner Art und Weise verbunden sind. Dass wir im Grunde genommen gar nicht so verschieden sind, vielleicht sogar verwandt. Ich bin absolut begeistert und habe aber auch ein bisschen Angst. Was wird dieser DNA-Test für ein Resultat zeigen? Bin ich tatsächlich einfach “nur” langweilige Schweizerin, oder schlummern in mir möglicherweise die Wurzeln all der verschiedenen Völker, die die Menschen immer wieder in mir zu erkennen scheinen? Ich hoffe ehrlich gesagt auf eine riesige Mischung exotischer Kulturen. Das wäre der beste Grund, diese zu entdecken und die Menschen dahinter kennen zu lernen. Wobei, eigentlich wäre alles okay, wobei ich warme Länder bevorzugen würde. Aber wer weiss, vielleicht bin ich ja aus der Antarktis?

Das Resultat

Nervös hangle ich also vor meinem Laptop rum. Hadere ein bisschen mit mir, bis ich schlussendlich auf die Email klicke, die mir die Resultate offenbaren wird. Ich frage mich, ob es ein Resultat geben könnte, das mich vielleicht sogar zum Weinen bringen könnte? Aus Freude? Aus Enttäuschung. Hastig klicke ich mich durch die Links und da, da steht es schwarz auf weiss:

62% West-Europa / 15% Italien & Griechenland / 23% other regions

Zuerst kann ich die Resultate irgendwie nicht so ganz einordnen. Okay, ich bin zu einem beträchtlichen Anteil Europäerin. Also eigentlich zu einem grössten Teil. Bin ich enttäuscht? Ich bin auf jeden Fall ein bisschen erstaunt. Zu fest wurden mir über viele Jahre hinweg die verschiedenen Identitäten zugeordnet, als dass ich mich so schnell von meinem Nomadenherz trennen könnte. Ja, vielleicht ist das tatsächlich ein bisschen mein Worst Case: Ich, die am liebsten jede Kultur in sich vereinen würde, bin hochprozentige Europäerin. Zäck. Wieso hab ich diesen Test gemacht? Scheisse! Weg ist er, mein romantischer Traum. Meine eigenen exotischen Erklärungen zu meinem wilden, gelockten Haar. Ich fühle mich fast ein bisschen beraubt. Aber ich fühle mich auch doof. Doof, dass ich nicht glücklich auf das Resultat reagiere. Ist doch komisch, andere Leute freuen sich, je “purer” ihr Blut ist.

Aber.

Aber. Ich beruhige mich. Langsam denke ich klarer und merke, dass ich meine eigene Reaktion eigentlich ziemlich doof finde. Und, dafür habe ich nun ja den perfekten Grund Italien und Griechenland besser kennen zu lernen. Und den Kaukasus, der sich auch noch in meiner DNA versteckt und von dem ich keinen blassen Schimmer habe. Und überhaupt. Eigentlich muss ich ja gar nicht all die Nationalitäten in meinem Blut haben, um mich zugehörig zu fühlen. Und, anscheinend muss ich somit super viele Vorfahren in Europa haben, was noch ganz praktisch ist. Da habe ich dann wohl in jedem europäischen Land irgendeinen Cousin oder eine Cousine. In Gedanken versunken verdaue ich die Neuigkeiten.

Erkenntnis.

Da stehe ich also. Mit einer gefühlt fast neuen Identität. Und einer Enttäuschung, die in Erkenntnis und Dankbarkeit umgeschlagen ist.

Ich war also enttäuscht, dass ich nicht 1000 exotische Kulturen im Blut hatte. Ich war enttäuscht, dass ich nicht rauschende Feste mit mir fremden Bräuchen feiern kann. Und an dieser Stelle frage ich mich:

Was hält mich ganz genau auf, andere Kulturen kennen zu lernen und deren rauschende Feste zu feiern? Wieso brauche ich einen DNA-Test, um ein bestimmtes Land zu bereisen? Brauche ich nicht. Mache ich einfach.

Was mir dieser DNA-Test aber gezeigt hat ist, dass die Grenzen im Kopf sind und nicht im Blut.  Und, Mensch ist Mensch. Egal woher er kommt, welches Blut durch seine Adern fliesst, was seine Geschichte ist. In jeder Kultur gibt es Idioten. In jedem Land wunderbare Menschen. Ich muss nicht mit ihnen verwandt sein, um mich verbunden zu fühlen. Ich muss einfach Mensch sein.

Trotzdem werde ich den DNA-Test als Anstoss / Inspiration nehmen und mir hoffentlich den Kaukasus, Griechenland und Italien einmal genauer anschauen. Wer weiss, was ich da finde..

Der DNA-Test wurde mir von momondo zur Verfügung gestellt. Das Bild ist von Nicole Rötheli.

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Comments

  • Michaela

    08/11/2017 at 11:03
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    Wunderbarer Text, wie wahr! "Mensch unter Menschen" fällt mir da […] Read MoreWunderbarer Text, wie wahr! "Mensch unter Menschen" fällt mir da ganz spontan ein. Read Less

    • Anina Mutter
      to Michaela

      12/11/2017 at 18:18
      Reply

      Danke vielmals für die lieben Worte! Und yes "Mensch unter […] Read MoreDanke vielmals für die lieben Worte! Und yes "Mensch unter Menschen" passt da definitiv wunderbar dazu. Alles Liebe und happy Sunday, Anina Read Less

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